Schwätzereck: In der Ecke sitzen und an die Wand starren

Was ist das: es trägt schwarze Klamotten, sitzt in einer Ecke und starrt eine Wand an?
Ein Emo? Nein, Simon um viertel nach 5 in der Früh bei seiner täglichen Zazen-Einheit.
Dreht der jetzt völlig ab? Vielleicht.

Also ich habs versprochen und nun komm’ ich dem Wunsch nach.
Was hat Kahnert nur mit Zen und was ist das eigentlich?
Eine gute Frage und wenn ihr eie wirkliche Antwort habt, dann schreibt sie mir. ;o)
Ich kann hier nur schreiben, wie ich “Zen” verstehe und was ich glaube, bisher darüber zu wissen.

Warum sitzt der Typ also jeden Morgen ne gute halbe Stunde auf nem runden Kissen und starrt sinnlos eine Wand an?

Zen ist der japaniche Name für Ch’an und das ist der chinesische Begriff für das Indische Dhyana. Das ganze bedeutet eigentlich nur Meditation. Zen heißt also Meditation und Zazen heißt Sitz-Meditation. Das ganze mach man auf einem Zafu, also einem Sitzkissen, welches auf einem Zabuton, einer Sitzmatte liegt.

Man zieht sich also was unscheinbares an, in meinem Fall schwarz, hockt sich auf ein Kissen und starrt an ne Wand. Ist das Zen? Eigentlich schon.

Was macht ihr gerade? Schüttelt ihr den Kopf? Zeigt ihr mir nen Vogel? Ihr habt völlig recht. Zen ist eigentlich langweilig und tut richtig weh. Man kreuzt die Beine, idealerweise im Lotusstitz. Wenn man so ungelenkig ist wie ich, im halben Lotos, streckt seinen Po gen Himmel, macht seinen Rücken gerade und zieht den Kopf etwas nach hinten. Dann streckt man den auch nach oben. So sitzt man nun da rum.

That’s it.

Und wer’s sehen will, der schaut sich die Anleitung an, die Brad Warner auf seinem Blog eingestellt hat: How to do zazen!

Das reicht euch doch, oder? Nein? Na gut, dann muss ich wohl ausholen.

Vor 2500 Jahre beschloss ein Indischer Prinz aus seinem wohlbehüteten Heim auszubrechen und “seinen Weg zu machen und die Wahrheit zu finden”. Er tat das gegen den Willen seines Vaters? Kommt einem das irgendwie bekannt vor? Klingt nach nem typischen Teenager, oder? Naja, dieser Typ war allerdings schon verheiratet und Vater. Aber auch das ist ja nichts ungewöhnliches.
Dieser Typ, er hieß übrigens Siddharta Shakjamuni, beschloss seine Familie zu verlassen und eine Lösung zu finden, wie man das Leid auf dieser Welt beenden könnte. Wie man Krankheit, Tod und Alter besiegen könnte.
Irgendwie genau das, was jeder Mensch heute auch versucht. Wir dürfen nicht altern und krank werden. Wir liften uns, ernähren uns gesund, Wellnessen, schminken uns und reden bloß nicht über den Tod.
Er zog also durch das Land und versuchte eineLösung zu finden. Irgendwann traf er auf ein paar Männer, die glaubten, sie würden “erleuchtet”, wenn sie auf alles verzichten, wenn sie keine, aber absolut keine Begierden mehr hätten. So wenig wie möglich aßen, sich nicht mehr wuschen, sexuell enthaltsam blieben, usw. Unser Held fand dies gut. Er kannte sich aus in Religion und Wissenschaft und beschloss ebenfalls in der Askese die Lösung zu finden. Er schloss sich ihnen an.
Er aß kaum noch und verbrachte seine Zeit in Askese.
Die Geschichte könnte hier enden. Doch sie geht jetzt eigentlich erst richtig los.
Aus dem stolzen Prinzen, seinem gestähltem Körper, seinem wachen Geist wurde mit der Zeit ein Gespenst. Sein Geist degenerierte mit seinem Körper. Er ernährte sich manchmal nur von einem Samenkorn, denn er war der eifrigste der Asketen.
Eines Tages fuhr ein Boot auf dem nahen Fluss vorbei und Shakjamuni hörte wie ein Lautenspieler mit seinem Schüler sprach. Er erklärte ihm, dass man nur dann richtig spielen könnte, wenn die Saiten genau richtig gespannt seien. Sind sie zu stark gespannt, zerreissen sie; zu schwach, dann entsteht kein Ton.
Da erkannte unser Prinz, dass der absolute Verzicht ihn nur näher zum Tod und nicht zur Wahrheit führt. Er stand auf, schwankte zum Fluss und wusch sich. Da kam eine Frau daher, die den Göttern danken wollte. Sie sah den verhärmten Mann aus dem Fluss steigen und hielt ihn für einen Gott. Also gab sie ihm die Opferspeise und der Ex-Prinz aß. Sie rettet ihm damit das Leben.
Shakjamuni verließ die Asketen, die ihn verachteten, da sie dachten er habe seine Suche aufgegeben.
Unser Held kam wieder zu Kräften und setzte sich unter einen Dattelfeigenbaum. Er begang zu Meditieren. Er beschloss so lange in Meditation zu verweilen, bis er die Wahrheit aller Dinge erkenne. Dies war sechs Jahre nach dem er seine Heimat verließ.
Nach sechs Tagen und Nächten erkannte er was die Wahrheit war.
Nach weiteren sieben Wochen in Meditation ging Siddharta Shakjamuna, der jetzt der Buddha war, zurück zu den Asketen und sie wurden seine ersten Schüler.

Soweit der erste Teil der Geschichte. Und jetzt wirds kompliziert. Siddharta betrieb keine Mission. Seine Lehren verbreiteten sich und die Menschen kamen zu ihm.

Siddhartas Lehre beruht auf den sogenannten 4 edlen Wahrheiten:
1.Leben enthält Leiden
2. Leiden wird von Begehren verursacht
3. Begehren kann überwunden werden.
4. Der Weg zum Überwinden des Begehrens und damit des Leiden ist der achtfache Pfad.

So viel zum Mythos. jetzt machen wir mal nen Sprung zur Geschichte des Zen. Meine Interpretation der 4 edlen Wahrheiten gibts später.

Buddhas Schüler vermehrten sich und sammelten sich um ihn. Die Gemeinschaft nennt man übrigens Sangha. Auf dem Geierberg versammelten sich 500 Schüler um Buddha um das “Rad des Dharma” zu erfahren. Eines Tages sagte Buddha nichts und hielt nur eine Blume hoch. Es heißt, dass alle Schüler ihn fragend ansahen nur Kashyapa lächelte. Dies soll die erste direkte “Dharma-Übertragung” gewesen sein. Und auch die Geburt des Dhyana, der später von Boddhidarma nach China(der übrigens auch den Tee nach China gebracht haben soll) und später nach Japan gebracht wurde. Dort hat er sich mir taoistischen Gedanken zum Zen entwickelt.

Womit wir wieder beim Eckesitzen sind. Der Buddhismus besteht aus vielen Zweigen und Strömungen. Sie reichen von der Anbetung, über tantrische Aktivitäten bis zum Zen. (Cool, von A bis Z und das ungewollt. ;o) )Während also andere Arten laut, bunt und schrill sein können kann man für den Zen den Mönch Ikkyû Sôjun zitieren: „Ich würde gerne irgendetwas anbieten, um Dir zu helfen, aber im Zen haben wir überhaupt nichts.“
Ich praktiziere Zen nach Dogen. Dogen war der Begünder der Soto-shu. Während andere Schulen, und das wird dem Buddhismus ja nachgesagt, sei sein Hauptziel, das Erwachen, das Erkennen der Wahrheit oder die Erleuchtung suchen, sagt Dogen “Sitzen ist Erwachen.”

Wenn wir sitzen, lassen wir unsere Gedanke fliessen. So wie Buddha saß. Er tat nichts. Er rezitierte keine Sutras (das sind übrigens sie Schriften, aus denen wir wissen, was Buddhismus ist. Sie wurden über die Jahrhunderte aufgezeichnet.) oder Mantras, er zählte nicht seinen Atem oder stellte sich ein höheres Wesen oder Gedanken vor. Wir betrachten nur unsere Gedanken, unsere Gefühle und unser Umfeld. Ohne es zu bewerten. Alles “ist” einfach. Hier und jetzt.

Und nun sind wir wieder bei den 4 edlen Wahrheiten.

Leben enthält Leiden

Wir sind permanent damit beschäftigt zu denken. Wir denken über unsere Vergangenheit nach, fantasieren über unsere Zukunft. Aber wir sind nie im Augenblick. Versucht mal nur im hier zu sein. Ohne irgendetwas zu bewerten oder zu interpretieren.

Leiden wird von Begehren verursacht

Wir brauchen. Wir müssen Essen und trinken und aufs Klo. Wir wollen Anerkennung, Erfolg, Geld, Gesundheit. Aus diesen Gefühlen und Reaktionen unseres Körpers, aus unserem Sozialenumfeld entstehen wieder Gedanken, also Leiden.

Begehren kann überwunden werden.

Ich habe Hunger, also Esse ich und der Hunger ist vorbei. Ich Ärgere mich und am nächsten Tag ist der Ärger weg. Ich bin verliebt in eine Sache oder einen Menschen, doch auch dieses Gefühl geht vorbei, sobald der nächste Gedanke kommt.(Zum Beispiel wenn ich wieder Hunger habe. ;o) ) Alles geht vorrüber und ich muss nicht wieder ein Gedankenwerk darum spinnen.

Der Weg zum Überwinden des Begehrens und damit des Leiden ist der achtfache Pfad.

Buddha war auch nur ein Mensch. Auch er litt weiterhin. Auch er hatte Hunger und Schmerzen und auch er hatte Angst vor dem Tod. Und deshalb hat er uns Tipps gegeben, wie wir unser Leben leichter leben können.

Den achtfachen Pfad kann man überall nachlesen, deshalb führe ich ihn hier nicht auf. Auch nicht die 10 Gebote des Zen. Wir sind Menschen und es ist für uns einfacher, wenn wir was in der Hand haben an dem wir uns entlang hangeln können.
Aber im Gegensatz zu den anderen Religion gibt es im Buddhismus keine Strafen für das Nichteinhalten. Es zählt nur der Augenblick. Es gibt kein Leben nach dem Tod, für das ich hier sorgen muss. Der Buddhismus beruht auf Ursache und Wirkung, gerne als Karma bezeichnet. Wenn ich Hunger habe (Ursache) dann esse ich (Wirkung). Wenn ich esse (Ursache) dan habe ich keinen Hunger mehr (Wirkung). Wenn ich stehle (Ursache) dann füge ich jemand anderem Leid zu (Wirkung). Wenn jemand anderes leidet (Ursache) dann leide auch ich, denn ich habe ein schlechtes Gewissen (Wirkung). Diese Ketten kann man beliebig weiterführen.

Wow, ist das alles von mir? Naja, aber eigentlich ist alles nur sitzen. Wenn ihr das ausprobieren wollt, dann macht es. Es ist langweilig und tut weh. Aber mir hilft es. Wie auch immer.

Ob das alles stimmt, was ich hier von mir gegeben habe? Keine Ahnung. Das ist auch nicht wichtig. Wichtig ist, wenn ihr es lest, dann hinterfragt es. Vielleicht schreibt der Kahnert hier auch völligen Stuss.

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