Buchvorstellung: Prähistorische Textilkunst in Mitteleuropa

Mode und Kleidung –  kaum ein anderes Thema beherrscht die Gesellschaft und die Medien heute so wie diese beiden. Die Textilindustrie ist ein gigantischer Wirtschaftszweig mit exorbitanten Umsätzen. Von der Frauenzeitschrift über Versandkataloge bis hin zu den Prêt-à-porter-Shows wird gezeigt, was „in“ ist, wird fast vorgegeben, was Mann und Frau zu tragen haben um zu zeigen wer oder was sie sind. Die Mode ist kurzlebig und einem raschen Wandel unterlegen. Ist dies ein modernes Phänomen?

Die Geschichte der Textilherstellung ist eine der ältesten der Menschheitsgeschichte.
Seit der Mensch sich bedeckt, gilt Kleidung nicht nur als Schutz sondern auch als Statussymbol. Karina Grömer hat  mit ihrem Buch „Prähistorische Textilkunst in Mitteleuropa“ erstmalig einen umfassenden Einblick in die Geschichte des Textilhandwerks und der Kleidung vor den Römern gewagt.

Der erste Eindruck des Buchs zeigt, dass es sich nicht primär um Literatur für ein Fachpublikum handelt. Das Buch erscheint klar gegliedert, die Schrift ist gut lesbar und eine große Menge, teils farbiger, Abbildungen bieten einen guten 480 Seiten umfassenden Gesamtrahmen. Laut Vorwort soll sich Grömers Buch an „Historiker, Kostümgeschichtler, Archäologen und handwerksgeschichtlich Interessierte“ wenden und die Aufmachung drückt dies auch aus.

Inhaltlich ist das Buch in fünf Hauptkategorien unterteilt. In diesen spannt Dr. Karina Grömer gemeinsam mit ihren Co-Autorinnen Dr. Regina Hofmann-de Keijzer und Helga Rösel-Mautendorfer den Bogen zeitlich von der Steinzeit bis zur späten Eisenzeit und thematisch vom wissenschaftlichen Grundverständnis hin zu soziologischen Schlussfolgerungen zum Nutzen und Wert von Kleidung.

Bereits die Einführung macht deutlich, dass sich die Autorinnen nicht nur an das Fachpublikum wenden möchten. Neben einem kurzen aber intensiven Einblick in die, für diese Buch relevanten, Geschichtsepochen sowie die Fundquellen, werden auch die Schwierigkeiten aufgezeigt, die die Erforschung von organischen Materialien in Mitteleuropa mit sich bringt.

An diese, eher allgemein gehaltene, Einführung schließt sich die Ausarbeitung über die Handwerkstechniken an. Und hier zeigt sich bereits die erste Besonderheit dieses Buches. Die Autorinnen führen die Leser anhand des Textes durch die Entstehung eines Kleidungsstückes. Man erkennt eindeutig, dass sich nicht nur theoretisch mit der Materie befasst wurde, sondern dass hier ein reicher Erfahrungsschatz vorliegt, den man nur durch experimentelle Archäologie und eigenes Schaffen erhalten kann.
Beginnend mit den Rohmaterialen wird jeder Schritt im Arbeitsablauf der Textilherstellung detailliert beschrieben und moderne Forschungsmethoden mit klassischen Handwerkstätigkeiten kombiniert. So werden die Fasern beispielsweise einerseits mit Hilfe hochmoderner Rasterelektronenmikroskope auf Unterschiede untersucht und diese dargestellt, andererseits wird aber auch gezeigt, wie unterschiedlich diese sich im praktischen Gebrauch darstellen. Grundlage für die Experimente sind archäologische Funde und heute noch gebräuchliche Techniken in der Volkskunst.

Die Nutzung hochmoderner Forschungsmittel ermöglicht auch die Korrektur bisher gängiger Forschungsmeinungen. Als Beispiel seien hier die, immer wieder in Fachkreisen kursierenden, „Seidenfäden“ aus dem Hohmichele in Baden-Württemberg. Während diese in den 1960er Jahren als importierte Seide interpretiert wurden, zeigten chemische Untersuchungen in den 1990er Jahren, dass es sich um feinstgearbeitete Pflanzenfasern handelt.

Die Autorinnen zeigen anhand der Quellen und Originalfunde, wie hochentwickelt die Handwerkstechniken der Vorgeschichte bereits waren. Bisher kaum publizierte Abbildungen von prähistorischen Textilien helfen dabei, das Bild der felltragenden „Urmenschen“ ad absurdum zu führen. Betrachtet man zusätzlich noch die Rekonstruktionen der Funde so wird deutlich, welche Möglichkeiten für die damaligen Menschen bestanden und wie ausgereift sie diese nutzten.

Diese Thematiken führen auch hin zum nächsten Teil des Buches. Hier werden anhand der Fundlage Schlüsse über die gesellschaftlichen Aspekte des Textilhandwerks jener Zeit gezogen. So sei es beispielsweise möglich, anhand der Entwicklung der Textilien nachzuvollziehen, wie sich verschiedene Produktionsniveaus entwickelt hätten. In diesem Teil, wie auch im gesamt Buch, wird anhand der Sprache deutlich, dass sich die Autorinnen nicht als Träger der alleinigen Wahrheit verstehen. Sie zeigen auf, dass es schwierig ist, anhand der heute vorliegenden „Beweise“ ein eindeutiges Bild der damaligen Situation aufzustellen.

Der vierte Teil des Buches beschäftigt sich primär mit dem archäologischen Fundgut. Mit deren Hilfe zeigt sich, wie vielfältig die Nutzung von Textilien bereits in den vorgeschichtlichen Epochen war. Neben allgemeinen Informationen zur Verwendung von Textilien beispielsweise als Kleidung oder Verpackungsmaterial, werden auch kleine „Highlights“ aus der Forschung präsentiert. So beispielsweise ein eisenzeitlicher Fingerverband oder die „Heimtextilien“ aus dem Fürstengrab in Hochdorf.

Der fünfte Teil bildet, neben dem Abschnitt über die Herstellungstechniken, den zweiten Schwerpunkt der Veröffentlichung von Karina Grömer. Die im vorherigen Abschnitt bereits angerissene prähistorische Verwendung von Textilien als Kleidung wird hier weiter detailliert. Eingeleitet wird der Abschnitt mit einer Darstellung der Quellenlage und der Quellenkritik.
Auch hier wird deutlich, wie bedacht Grömer sich des Themas annimmt und auch bei vorliegenden Gesamtensembles, wie dem Fund des Mannes aus dem Eis, stets Freiraum für Interpretationen lässt. Dies unterstreicht umso mehr, wie intensiv sie sich der Geschichte der Textilkunst annimmt.

Beginnend mit der Jungsteinzeit folgt eine Reise durch die Geschichte der Kleidung hin zur späten Eisenzeit. Die vorliegenden Funde, Ikonografien oder Texte werden zusammengefasst und es wird ein lebendiges Bild der damaligen Kleidung erzeugt. Hierbei werden verschiedenste Ansätze präsentiert und möglich Schlussfolgerungen zu konkreten Kleidungsstilen zusammengefasst. Neben Rekonstruktionen von Originalfunden ist es mit Hilfe der experimentellen Archäologie auch möglich Kleidungsstücke herzustellen, die so hätten getragen worden sein können.
Es wird deutlich, dass bereits in der Vorgeschichte Mode von vielen Faktoren, wie gesellschaftlicher Status oder regionale Abstammung abhing und gleichzeitig gesellschaftliche Vorstellungen erzeugte.
Mit dieser Thematik schließt auch dieser Abschnitt und damit das Buch und bildet so den Schluss zur Moderne. Es zeigt sich, wie auch vor über 2000 Jahren Mode bereits in Wechselbeziehung mit Alltag lag und das Leben der Menschen bestimmte.

Dr. Karina Grömer ist es mit der Publikation „Prähistorische Textilkunst in Mitteleuropa“ erstmalig gelungen, theoretische und praktische Forschung im Bereich Textilien der Vorgeschichte zu verbinden. Auf Grund der eher schlechten Quellenlage in Mitteleuropa konnten die bisherigen theoretischen Ansätze nicht zu einem so tiefen Einblick gelangen wie es dieses Buch ermöglicht. Dabei gelingt es zudem noch, das Thema auch für Nichtfachleute spannend und wissensbringend zu präsentieren.
Dieser Punkt könnte allerdings auch in der Fachwelt zu kritischen Stimmen führen, da die gezogenen Schlüsse nicht immer auf reiner historischer Lehre beruhen sondern sehr oft durch eigenes Erfahren ergänzt werden.
Das Buch ist ein hervorragendes Beispiel für moderne Wissenschaftspublikationen und zeigt, wie wichtig interdisziplinäre Ansätze in der heutigen Zeit sind um unsere Geschichte besser zu verstehen und damit Irrtümer aus der Vergangenheit zu beseitigen.

Prähistorische Textilkunst in Mitteleuropa

Verlag des Naturhistorischen Museums in Wien

Umfang: 480 Seiten, 202 Abbildungen

Umschlag: Hardcover

Format:  27 x 19 cm

Preis: 35,00 € zzgl. Versandkosten

ISBN 978-3-902421-50-0

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